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“GEIZ IST GEIL” – damit warb der Elektronikhandel Saturn seit dem Jahr 2002 für seine Produkte und heute noch wird häufig Saturn die Schuld am wandelnden Einkaufsverhalten der Deutschen gegeben. Saturn habe mit dem Spruch “GEIZ IST GEIL” den Menschen erst deutlich gemacht, wie geil sparen doch sein kann und unsere Gesellschaft damit gründlich versaut.

Soweit würde ich nicht gehen und hier lohnt sich ganz bestimmt ein vergleichender Blick in eine andere Welt – in meine Kindheit:

DAMALS: 1980

Ja, ich durfte als Kind beim ländlichen Bauern in dessen Scheune spielen, frische Milch trinken, mit dem Traktor mitfahren, frisch gelegte Eier mit nach Hause nehmen. Auf dem Land war das Standard und DANKE dafür!

Das war so um 1980 zu einer Zeit in der es in Deutschland rund 800.000 Landwirtschaftliche Betriebe gab. Also genug, um als kleiner Bub einfach mal “zum Bauern” zu gehen.

2002 gab es bereits 400.000 landwirtschaftliche Betriebe weniger!! Die Zahl der landwirtschaflichen Betriebe hatte sich in etwas über 20 Jahren halbiert!

Warum dürfte klar sein:
kleine Betriebe mussten schliessen und große Betriebe wurden vergrößert. Automatisierung, Digitalisierung, Massentierhaltung usw. – alles zu einem gutem Zweck: Das Zeug muss billig sein!

Als kleine Gegenprobe:
zwischen den 70er und 80er Jahren entstanden nach dem Aldi-Vorbild die Discounter Plus, Lidl, Penny und Netto die ein erklärtes Ziel hatten: günstiger Einkauf durch hohe Abnahmemenge, spartanische aber effiziente Verkaufsflächen, weniger Personalbedarf = günstigere Verkaufspreise. Von 1990 bis 2002 verdoppelte sich die Anzahl der Discounter sogar in ganz Europa.

Saturn hat “Geiz ist Geil” nicht erfunden!

Als Jung von Matt also 2002 den Werbespruch “Geiz ist Geil” für Saturn lancierte, war dies mehr eine geschickte Bestandsaufnahme der IST-Situation als weniger eine plumpe Aufforderung mal richtig geizig zu sein. Saturn hat uns nicht zu geilen Geizhälsen gemacht, das waren wir augenscheinlich schon vorher. Aber schon immer schimpften wir auch über die “Servicewüste Deutschland” und schwelgten in alten Zeiten, als Garantiezeiten ein Zukunfts-Versprechen und kein Ablaufdatum darstellten.

Geiz ist NICHT geil….

Klar, der Geldbeutel sitzt schon länger nicht mehr so locker – hatten wir früher doch einfach mehr Geld. Hatten wir das?

Oder hatten wir früher einfach nur weniger Handy-Verträge (heute hat ja statistisch sogar der Hund und das Mehrschweinchen einen Handyvertrag), kein Pay-TV oder andere OnDemand Abos. Keine DSL Verträge und Prime-Mitgliedschaften um mit unserem inzwischen gestörten Shopping-Verhalten bei Amazon zu frönen? Keine 0-Zins Kredite für den neuen Fernseher – obwohl der alte TV noch funktionierte, nur mit 4K halt einfach wirklich furchtbar alt war? Und ne geile Leasing-Karre vor der Tür mit der wir 2 mal im Jahr zum Flughafen eiern und billig auf dem 30 Kilometer entfernten Feld parken um zu Mörderpreisen megagünstig in Urlaub zu fliegen?

Geiz ist nicht geil, weil das mit Geiz auch überhaupt NIE was zu tun hatte! Wir konsumieren stattdessen halt einfach MEHR billige Produkte, kaufen am Ende aber jede Menge Mist – einfach weil wir es können.

Anmerkung: Und natürlich gibt es auch Menschen die SPAREN müssen, weil sie sonst nicht über die Runden kommen. Diese können mit keinem dieser tollen Dingen aus dem vorherigen Absatz etwas anfangen, weil das nicht ihrem Lebensbild entspricht – die meine ich nicht! Die MÜSSEN Sparen, die WOLLEN nicht geizen!

Qualität und Service?

Und hier komme nun wieder ich ins Spiel! Ich bin Dienstleister und damit stehen für mich Qualität und Service ganz oben auf dem Programm-Zettel. Und genau diese Skills werden auch heute noch – 13 Jahre nach der Abschaffung des Slogans “Geiz ist Geil” – weil die Kunden angeblich wieder mehr Wert auf Qualität und Service legen – häufig mit Füßen getreten. Hierzu zwei Beispiele aus den vergangenen Wochen:

Fall 1

Ich verlange z.B. für das einfache Hosting 4 Euro brutto monatlich. Ich bin ganz ehrlich: Die Gewinnmarge beim Hosting liegt pro Jahr bei etwa 12 Euro (Steuern abgezogen). Kunde ruft an: Die Mails funktionieren nicht, kurz geprüft: Mailserver funktioniert. Ahhh! Der Kunde hat sich einen neuen Rechner gekauft und die Mails sind nicht eingerichtet *lol*. Teamviewer: Halbe Stunde später läuft alles wie geschmiert. “Kostet das jetzt was?” fragt mich der Kunde zum Abschluss des Gesprächs recht scharf – ich antworte intuitiv: “NEIN! ” – “Gut, danke – auf Wiederhören” – säuselt es fröhlich am anderen Ende.

OK… 30 Minuten später ruft der Kunde wieder an und möchte wissen wie er die Mails von seinem alten Rechner auf den neuen Rechner übertragen kann (selber schuld wenn man vorher POP3 verwendet), ich habe den Kunden dann in 2 Minuten abgehandelt und ihm geraten, sich an den Verkäufer des Notebooks zwecks Datenübernahme zu wenden. Das dürfte insofern scheitern, weil Amazon da wohl nicht groß weiterhelfen kann…. daher auch betretenes Schweigen am anderen Ende, die Verabschiedung diesmal deutlich weniger fröhlich.

Kurzum: Geld habe ich also nicht wirklich verdient – aber Spaß hatte ich am Ende jede Menge (insbesondere weil Amazon hier wohl eher nicht helfen kann)!

Was ist falsch gelaufen? Der Kunde hätte mich und meine Leistung im ersten Gespräch nur etwas mehr respektieren müssen, dann hätte ich ihm sicher auch bei seinem zweiten Problem gerne geholfen. Aber er fand Geiz wohl geiler.

Fall 2

Nicht mal ein Kunde, war vor einem Jahr mal zu Besuch bei mir – damals noch im Büro. Ich dachte, wir treffen uns um ein paar Änderungen zu besprechen die ich dann umsetzen darf und am Ende auch abrechnen kann. Es war stattdessen eine nette Kennenlern-Runde – keine Ahnung für was. Passiert, alles gut und am Ende freue ich mich ja auch mal einfach über ein nettes Gespräch. Ein Jahr später, vorletzte Woche ruft dieser Mensch wieder an und fragt mich, ob mit seiner Homepage alles OK ist. Ich rufe dessen Internet-Seite parallel auf und kann kein Problem feststellen. “Was ist das Problem?” möchte ich von ihm wissen und er erwidert: “Na, du hattest doch gesagt, du schaust regelmäßig über meine Seite drüber wegen der Updates!” – OH! Hatte ich ihn übersehen? “Nein, es liegt kein Wartungsvertrag vor…” – er erwidert: “Na, du hast gesagt du schaust da einfach so drüber, ohne Abrechnung!”

Ja, so gehts auch! Einfach mal behaupten. Weil ich ein netter Mensch bin, starte ich aber die Updates – ist ja kein Beinbruch, bestätige ihm das nun wieder alles aktuell ist – diese Vereinbarung nun aber nicht mehr weiter gehalten werden kann. Er könne aber auf den offiziellen Wartungsvertrag umstellen. Das wollte er dann aber nicht, reihte stattdessen aber die Frage ein, ob ich ihm wohl beim Update seines Windows PC von Win7 auf Win10 behilflich sein könnte. Auch hier schickte ich ihm noch einen Link für den Check für die kostenfreie Windows-Umstellung, wünschte ihm noch einen schönen Tag und viel Erfolg bei seiner Windows-Umstellung (Prust) und sperrte seine Rufnummer. Klar: das lässt sich auch anders regeln, aber so hat es mir Spaß gemacht – wenngleich ich mir derartige “Späßchen” nicht jeden Tag leisten sollte.

Fakt ist:
Geiz ist immer noch geil und die benannte “Service-Wüste Deutschland” scheint DEFINITIV hausgemacht.

Es gibt sicherlich noch viele andere Fälle die es hier zu berichten gäbe – aber ich möchte ja niemanden langweilen.

Und die Moral von der Geschicht:

Denkt einfach beim nächsten mal drüber nach: Dem Tankwart, der Metzgereifachverkäuferin oder dem Kollegen im Döner-Laden bei akzeptablem Service einfach ein wenig (mehr) Trinkgeld geben und nicht immer NUR schauen was grad am billigsten ist.

Das hilft zwar nicht beim sparen, macht aber vor allem das Leben viel geiler! Denn in das glückliche Gesicht sehen zu dürfen, ist ähnlich toll wie ein neues Handy auspacken zu dürfen – nur wesentlich billiger! Probiert das unbedingt mal aus! Spoiler: und wundert euch nicht, wenn ihr beim nächsten mal etwas zurück bekommt!!

Wer kein Geld für Trinkgeld ausgeben kann oder möchte: Lasst z.B. im Strassenverkehr mal jemanden vor, der eigentlich wartepflichtig wäre (ohne den nachfolgenden Verkehr großartig zu blockieren), kostet nix, die Reaktion ist in aller Regel unbezahlbar – außer es ist ein Arschloch und auch dann(!) ist es großartig zu sehen, wie überfordert manche Menschen mit der Realität und bzw. ihrem eigenem Ego sind.

Ich feier das!